Christoph Biemann

Frankfurter Buchmesse

Frankfurter Buchmesse 10.09.2003

Kristian: Woher stammt eigentlich die Idee mit den grünen Pullis? Die sind ja eigentlich zu einer Legende geworden.

Biemann: Die Idee ist eigentlich ein Zufall gewesen. Es ist ja beim Film so, dass man genau darauf achten, was man an hat. Die Leute sollen nicht aus dem Raum rausgehen und dann wird eine andere Szene gedreht und man hat plötzlich was ganz anderes an, da muss man halt immer drauf achten. Und deshalb hab ich gesagt: "Ich zieh immer das gleiche an". Als wir die Atommaus gedreht haben, hatte ich verschiedenfarbige Pullis im Schrank und zwei grüne. Da kann einer mal zufällig in der Wäsche sein und ganz sicher ist immer noch der andere da. Es hätte auch genauso gut eine andere Farbe sein können. Blau mag ich eher, aber das Grün hat sich sehr bewährt. Selbst im grünen Wald ist es noch gut zu sehen oder auf einer grünen Wiese, da ist’s dann ein kleiner grüner Punkt im Fernseher. Ein Fernseher ist ja nicht so groß, und wenn man dann Sonntag vormittag so einen kleinen grünen Punkt im Fernseher sieht, weiß man genau: Das kann nur der Christoph sein.

Nico: Was fasziniert Sie besonders an der Arbeit an der "Sendung mit der Maus"? Ich habe in Ihrem Lebenslauf gelesen, dass Sie zuerst Film studiert haben und dann 1978 zur Maus gekommen sind. Warum haben Sie sich gerade dafür entschieden?

Biemann: Ich habe 1972 schon ein Praktikum beim WDR gemacht und auch schon den ersten Mausfilm während des Studiums. Während des Studiums musste man sich konzentrieren auf politischen Journalismus oder Kulturjournalismus oder Fernsehspiel und das musste man beim Kinderfernsehen nicht. Auch heute ist die Arbeit noch sehr abwechslungsreich, ich mache ja nicht nur die Geschichten, sondern muss mir immer neue Möglichkeiten ausdenken, wie ich diese Geschichte erzählen kann. Der Anspruch ist ja, dass man nicht nur eine Reportage macht, sondern auch eine Geschichte erzählt und das ist immer eine Herausforderung. Wir haben zum Beispiel vor drei Wochen eine große Ballontraube starten lassen, mit einem Sender dran und Kameras und sind ihr hinterhergefahren, haben sie aber verloren. Ein Zeuge hat die Ballons aber gesehen und dann bin ich wie ein Kriminalkommissar durch die Gegend gegangen. Das war eine Recherche, die ich so noch nie gemacht habe. Vor einigen Jahren habe ich auch mal eine ganz kleine Rolle in einer Oper mitgesungen. Das sind alles Erlebnisse, die man sonst nicht haben würde. Ich arbeite jetzt seit über dreißig Jahren für die "Sendung mit der Maus" und werde immer noch neue Dinge erleben, neue Erfahrungen machen, neue Menschen kennen lernen. Und das alles macht mir wahnsinnigen Spaß. Eben war ich am Nachbarstand und da hat mir jemand gesagt: "Mein Neffe hat neulich von Ihnen gesprochen und das ist ne wunderschöne Sache – weiter so!", da denke ich mir, wieviele berufstätige Menschen haben solche Erlebnisse?

Kristian: Haben Sie Kinder?

Biemann: Ich habe zwei Kinder, eins ist jenseits der 30, das andere ist sechs.

Nico: Guckt das kleine Kind auch jeden Sonntag die Maus?

Biemann: Ja, mit mir zusammen.

Nico: Das ist so eine Art Pflichtprogramm, richtig?

Biemann: Genau. Das ist immer ein anderes Verhältnis, wenn ich den Film, den ich gemacht habe, im Fernsehen sehe, wenn er gerade jetzt läuft – das ist schon irgendwie was besonderes. Und wenn ich die Sendung aufnehme und erst später gucke, ist’s schon nicht mehr dasselbe.

Kristian: Was für Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Arbeit?

Biemann: Es ist schwer, Schwerpunkte zu setzen, weil die Arbeit sehr breit gefächert ist. Ich muss ja die Filme produzieren, mich also um die Finanzen und die Organisation kümmern, mir ausdenken, wie die Geschichte verläuft, muss dafür sorgen, dass die Technik stimmt. Und wenn der Film gedreht ist, kommt noch genauso ein Rattenschwanz an Arbeit hinterher, also mit Musikkomposition, Schnitt, Texten und Farbkorrektur. Es ist schön, wenn man ab und zu kleine Fluchten machen kann wie hier mit dem Experimente-Buch, wenn man sich an was völlig anderes macht, was zwar auf der selben Erfahrung basiert, aber was komplett anderes ist. Ich habe mir beispielsweise gedacht, da die Experimente in vielen Büchern gezeichnet sind und ich schon öfter festgestellt habe, dass die nicht funktionieren, dass wir sie fotografieren, was uns dazu zwingt, ganz ehrlich zu sein. Das war eine sehr spannende Erfahrung. Ich dachte, ich mache ja Filme und Fotografieren ist fast dasselbe, da wird das nicht so schwer sein, aber das ist lange nicht so, weil Fotos ganz anderen Gesetzmäßigkeiten unterstellt sind. Du musst also in einem Bild die Aussage haben, beim Film kann man schwenken, warten, bis sich ein Ablauf ergibt. Die ersten zwei Ergebnisse der Fotosessions haben wir komplett weggeschmissen und neu gemacht, weil es manche Anforderungen nicht erfüllte.

Nico: Macht die Arbeit an der Maus mehr Spaß oder ist es für Sie manchmal auch harte Arbeit?


Biemann: Es ist viel Arbeit, aber auch viel Spaß. Ich bin eben in der Situation, dass ich auch Geld verdienen muss und da ist es nicht das Schlechteste, das zu machen, was einem Spaß macht.

Kristian: Welcher Sachverhalt hat Sie bis jetzt am meisten erstaunt?

Biemann: Das ist schwer zu sagen. Man findet immer Sachen, wo man sagt: "Oh, das wusste ich noch gar nicht". Zum Beispiel eine ganz einfache Sache, wo ich staune, dass ich das noch nicht gemerkt habe. Ein Kind hat geschrieben: "Warum stehe ich auf dem Kopf, wenn ich in einen Löffel gucke?" Ich habe viel Suppe in meinem Leben gegessen, aber ich habe noch nie gemerkt, dass man da auf dem Kopf steht (lacht). Ja, das hat mich erstaunt und da haben wir einen schönen Film draus gemacht und erklärt, warum das so ist. Das ist eine Sache, wo man sich dann denkt: "Tatsächlich, stimmt!". Oder warum ist in jedem Würstchen so ein Knick drin? Ich wusste nicht, dass das der Fall ist, habe dann aber mehrere Wurstdosen gekauft, alle aufgemacht und es war wirklich in jedem ein Knick drin.

Nico: Gab es denn auch schon eine Erklärung, die für Sie sehr schwer fiel?

Biemann: Schwierig wird es sehr oft, wenn es um Moleküle geht. Einen Film, den ich immernoch vor mir herschiebe, ist "Wie funktioniert Kleber?". Da gibt’s so Moleküle, die sich zusammenziehen, und das müsste man mit Zeichentrick machen und das würde dann auch die Vorstellungswelt der Kinder überfordern. Ich arbeite auch gerade an der Geschichte, warum ein Flummi so gut funktioniert, warum der so gut springt. Das ist auch so eine Molekülebene. Wir haben auch mal Spritzguss erklärt, das ist eine Granulatmaschine, das geht "Sscht-Sscht" und fertiges Zeug kommt raus. Das ist sehr weit verbreitet, und wir sind auf die Idee gekommen, Spagetti zu kochen und wenn die kalt werden, dann nehmen die die Form des Tellers sehr glatt an. Das ist im Grunde dasselbe wie Spritzguss, lange Molekülketten. Es ist wichtig, dass man Beispiele nimmt, die so stimmen. Spagetti und Kettenmoleküle sind noch eine innere Logik. Manchmal fallen aber auch Vergleiche ein, die dann nicht stimmen, die man dann auch gleich wieder löscht, es ist aber wichtig, dass die Vergleiche nicht hinken.

Kristian: Was war bisher Ihr witzigstes Erlebnis beim Drehen einer Sachgeschichte?

Biemann: Beim Drehen einer Sachgeschichte wird immer viel gelacht, nur wenn Gags gemacht werden sollen, dann eher weniger (lacht). Da muss man sehr aufm Punkt sein und konzentriert arbeiten, es ist wichtig, dass die Zuschauer lachen. Mir fällt aber jetzt kein Beispiel ein.

Nico: Gab’s auch schon ein Experiment, was so richtig schief gegangen ist?

Biemann: Das Experiment mit den Ballons haben wir im letzten Jahr schon mal gemacht und sind mit dem Hubschrauber hinterher geflogen. Der Hubschrauber hat die Ballons aber verloren – Experiment schief gelaufen. Armin hat mal die Geschichte mit der Blumenuhr gemacht, die in einem Buch beschrieben war, und da sollten Blumen zu bestimmten Stunden aufblühen wie bei einer Uhr. Das hat hinten und vorne nicht geklappt, aber wir erzählen das auch, wir machen daraus auch einen Film und sagen: "Wir sind keine Weltmeister", was ja auch so stimmt, uns geht auch mal was stimmt. Das sind dann auch sehr sympathische Geschichten, das ist dann wie im normalen Leben.

Kristian: Sind Sie nur Moderator der Maus oder auch Mit-Erfinder?

Biemann: Mit-Erfinder bin ich nicht, aber sehr viel mehr als Moderator. Ich mache seit 30 Jahren Filme für die Maus, aber meine Hauptarbeit ist hinter der Kamera, beim Recherchieren, Ideen finden und rausfinden, wie man Sachgeschichten erzählen kann, das ist eigentlich meine Hauptaufgabe.

Nico: Besuchen Sie auch manchmal Schulen oder Kindergärten, um mit den Kindern in direkten Kontakt zu treten?

Biemann: Sehr selten. Das ist eine Frage der Zeit. Aktuell bin ich viel im Buchhandel unterwegs und treffe auf diese Weise viele Kinder, aber wir haben sonst wenig Kinderkontakt, abgesehen von der Zuschauerpost.

Kristian: Wer hat die Ideen zum Buch geliefert?

Biemann: Ich beschäftige mich jetzt schon seit vielen Jahren für die Maus mit Experimenten, deshalb gab es Experimente, die standardmäßig vorkommen. Ich habe aber auch andere Bücher durchgeguckt und mich inspirieren lassen. Dann habe ich mir gedacht, dass der Begriff der Experimente sehr eng. Es gibt ja nicht nur physikalische Experimente, sondern auch welche aus dem Bereich der Psychologie und der Physiologie, also optische Täuschungen, und es gibt auch eine Geschichte der Experimente, also wann welche gemacht wurden. Alle Dinge, die wir heute benutzen, sind aus Experimenten entstanden, also Handy, Internet,...

Nico: Kann man sagen, dass die Sammlung der Experimente Fragen beantwortet, die Sie sich selbst gestellt haben?

Biemann: Ja, die habe ich mir zum Teil mit dem Buch auch beantwortet. Da muss man sich dann auch fragen: "Wie war das eigentlich bei den alten Griechen?" und dann muss man nachlesen und recherchieren und dann findet man auch Antworten und Zusammenhänge. Interessant war auch: Ich habe viel gegenlesen lassen von Professoren und Fachleuten, und habe dadurch auch viele interessante Dinge erfahren.